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Der ganze Sektor sollte umdenken

Foto: Steyler Mission
Ein Bild von einem Projekt der Steyler in Indien: Essensausgabe an Kinder.

Der ganze Sektor sollte umdenken

Von: Bruno Sonnen | 15. Juli 2012
„Geld regiert die Welt“, heißt es. Doch wer regiert das Geld? Wer bestimmt, was mit meinem Geld geschieht? Banken, Heuschrecken und andere Finanzjongleure? Gibt es Alternativen zu Deutscher Bank, Commerzbank und Co.? Der „Paulinus“ stellt Alternativbanken vor. Heute: die Steyler Bank. Teil 3 einer lockeren Serie.

„Auf die Idee, eine eigene Bank zu gründen, kam seinerzeit Pater Adam Nottebaum auf der Suche nach Finanzquellen, um die Arbeit der Missionare in über 60 Ländern zu unterstützen“, erklärt Jürgen Welzel. „Die Gründung einer Bank für einen Orden, deren Mitglieder Armut geloben, war  dabei keineswegs selbstverständlich“, betont der Unternehmenssprecher der Steyler Bank. „Das war auch den Gründern klar, und so schuf die Ordensgemeinschaft 1964 mit der Steyler Bank einen neuen Banktypus. Die Bank sollte Menschen eine Möglichkeit geben, auf einen Teil der Zinsen zugunsten der Armen zu verzichten.“

Die Gründer verpflichteten die Bank, nur Geldgeschäfte zu betreiben, die mit den großen drei Zielen der Steyler Missionare „Bewahrung der Schöpfung“, Gerechtigkeit und Frieden zu vereinen ist. Die ethische Ausrichtung der Bank wird in drei großen Linien deutlich.

Ethisch-christliche Grundhaltung bei Beratung und Gewinnerzielung

„Da ist zum einen die Ethik in der Beratung“, betont der überzeugte Christ. „Die Kunden stehen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen im Mittelpunkt. Wir sehen sie als Partner und Freunde der Steyler Missionare und beraten sie auch so. Die christliche Beratung basiert auf Fairness, Offenheit und Kompetenz und Mitgefühl. Alle unsere Kundenbetreuer sind zertifizierte Ethik-Anlageberater.“

Zum zweiten kommt selbstverständlich auch die ethisch-christliche Grundhaltung bei der Gewinnerzielung zur Geltung. „Die Steyler Bank investiert nur in ethisch saubere Geldanlagen. Und  es gibt klare Tabukriterien, erläutert der Welzel, der als so genannten Missionar auf Zeit knapp ein Jahr in den Slums von Manila lebte und die negativen Auswirkungen der Globalisierung hautnah zu spüren bekam. „Wir haben eine rote Liste der Geschäftsfelder erstellt, in die wir in keinem Fall investieren. Zu den Negativkriterien zählen neben Waffen unter anderem  Zwangsarbeit, Atomenergie, Embryonenforschung, Glücksspiel, Pornografie, Korruption oder Kartellrechtsverletzungen sowie Menschenrechtsverletzungen und Tierversuche. Kunden können zusätzlich noch individuelle Ausschlüsse  definieren.“

Drittens schließlich dürfte es einigermaßen einmalig sein, dass eine Bank ihre gesamten Gewinne einer Ordensgemeinschaft zukommen lässt. „Doch damit nicht genug“, sagt der 48-jährige dreifache Familienvater, „ein großer Teil unserer Kunden  spendet einen Teil der Zinsen zusätzlich für Hilfsprojekte der Steyler Missionare.“

Spendengelder und Bankgewinne im Einsatz für eine bessere Welt

Ergebnis: Seit Gründung im Jahr 1964 hat das Institut nach eigenen Angaben immerhin Spendengelder und Bankgewinne in Höhe von 85,4 Millionen Euro an die Steyler Missionare für deren Einsatz für eine bessere Welt weitergeleitet. Konkret fließt das Geld etwa in soziale Projekte, das können zum Beispiel  Direkthilfen bei Hunger- und Naturkatastrophen sein; des weiteren in Bau, Einrichtung und Unterhalt von Gemeinschaftseinrichtungen sowie in Hilfen für Behinderte, alte Menschen oder Straßenkinder. Die Steyler bauen Ausbildungsstätten, vergeben Schulstipendien und führen Programme zur Erwachsenenbildung durch. Bei der Gesundheitshilfe reicht das Spektrum  von der Ausgabe von Medikamenten bis zum Bau und Unterhalt von Krankenstationen. Die Auswahl der Projekte erfolgt nicht durch die Bank, sondern durch die Missionare.

Gute Bilanz und viel Geld für Projekte der Missionare

Die Steyler Bank ist also auf der einen Seite wirklich anders als andere Geldinstitute. Dennoch präsentiert sich die heute in Deutschland und Österreich tätige Missionsbank als ein Finanzinstitut, das das gesamte Spektrum eines soliden Finanzdienstleisters anbietet, vom einfachen Girokonto (Geld abheben ist an 2900 Banken der so genannten cashpool-Gruppe möglich, zu denen zum Beispiel Sparda-Banken gehören) über die Kreditvergabe bis zur Vermögensberatung – dem offenbar immer mehr Menschen vertrauen.

Das Jahr 2011 war nach Angaben der Bank wieder ein Jahr des Wachstums, und das in zweierlei Hinsicht: Mit einem Volumen von fast 303 Millionen Euro habe man in der herkömmlichen Jahresbilanz einen  neuen Rekord aufgestellt, und auch bei der für die Projekte der Steyler Missionare zur Verfügung gestellten Summe habe man den Rekordwert von knapp 2,8 Millionen Euro erreicht.

Was den Kunden natürlich auch interessiert, sind die Anlagekonditionen, also die Zinsen. Kann die Bank da mit anderen Instituten mithalten? Ja, versichert Jürgen Welzel. „Allerdings versprechen wir keine überdimensionalen Zinsen und machen keine Spekulationsgeschäfte, die nur kurzfristig hohe Renditen bringen. Wir legen lieber mit Weitblick an und erzielen somit dauerhaft und über Krisen hinweg nachhaltige, stetige Gewinne.“

Kritischer Blick auf das „normale“ Bankensystem

Eine Stichprobe im Internet ergibt: Der „Missions-Sparbrief“ (Mindestanlage 500 Euro) bringt im achten Jahr 1,70 Prozent Zinsen; beim „Missions-Wachstumssparen“ (Mindestanlage 5000 Euro) erhält der Kunde im sechsten Jahr je nach Höhe der Geldanlage zwischen 2,25 und 2,75 Prozent Zinsen.

Zweierlei überrascht im Gespräch mit dem Sprecher der Steyler Bank. Das Geldinstitut nimmt für sich ausdrücklich in Anspruch, einen gesellschaftspolitischen Auftrag zu haben, und sieht das „eigene“ System, also das Bankensystem „sehr kritisch“. „Profitgier, die manch andere Finanzakteure antreibt, ist der Steyler Bank fern“, sagt Welzel. „Sie setzt dem die Nächstenliebe entgegen und die christliche Verantwortung im Umgang mit dem Geld.“

Dass das mehr als fromme Worte sind, wird deutlich, wenn er auf das Thema Bankensystem zu sprechen kommt: „Wir sind gegen Spekulationsgeschäfts jeglicher Art, insbesondere wenn es beispielsweise Lebensmittelspekulationen betrifft und darunter ärmste Bevölkerungsschichten leiden. Durch Spekulationsskandale, Verschuldungsproblematiken, spektakuläre Fehlberatungsfälle und Bonidiskussionen haben Finanzinstitute viel Kundenvertrauen verloren, und der ganze Sektor sollte umdenken. Banker müssen investieren und nicht spekulieren. Sonst kann man statt Banklizenzen auch Kasinolizenzen ausgeben. Die Bank sollte Finanzdienstleistungen anbieten, die den Kunden einen hohen Nutzen bieten, zugleich aber auch einen Mehrwert für die Gesellschaft haben. Hier muss eine Umkehr zu Fairness, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und eben Genügsamkeit einsetzen. Letztlich sprechen wir hier also von typisch christlichen Tugenden. Die Realwirtschaft sollte im Vordergrund stehen und nicht immer kompliziertere Finanzprodukte und Börsen-Transaktionen.“

Einfluss auf das ethische Verhalten der Unternehmen ausüben

Banken sollten zudem auch versuchen, Einfluss auf das ethische Verhalten der Unternehmen auszuüben, denen sie Geld zur Verfügung stellen, findet man bei der Missionsbank. Auch sollten Banken ihre Aktivitäten offen legen und hinsichtlich ihrer ethischen Dimension selbstkritisch hinterfragen. „Dazu zählen beispielsweise spekulative Devisengeschäfte, die ganzen Ländern schaden können, der Einsatz von Derivaten zu rein spekulativen Zwecken oder auch hohe Kreditfinanzierungen von Hedgefonds“, sagt der studierte Politikwissenschaftler und bringt noch einen interessanten, weithin kaum beachteten Aspekt zur Sprache.

„Unserer Meinung nach ist auch ein kostenloses Girokonto eine Keimzelle für fehlerhafte Bankberatung. Eine Studie aus dem Jahr 2000 hat gezeigt, dass die direkten Selbstkosten eines Girokontos bei ungefähr 40 Euro pro Jahr liegen. Heute wird dieser Wert eher bei 70 Euro pro Jahr oder noch höher liegen, da den Banken Kontrollaufgaben wie das Geldwäschegesetz übertragen wurden. Man muss daher davon ausgehen, dass Banken mit einem kostenlosen Girokonto lediglich Kunden anlocken, Erträge aber nur durch den Verkauf von zusätzlichen Finanzprodukten erzielt werden, die das eigentlich defizitäre Produkt Girokonto subventionieren. Das hat einen enormen Druck auf die Kundenberater zur Folge, die gezwungen sind, dem Kunden weitere Finanzprodukte zu verkaufen, unabhängig ob gewünscht, sinnvoll oder nicht. Das kann nicht im Sinne des Kunden sein.“

Bleibt am Ende noch der Hinweis: Kunden der Steyler Bank müssen weder katholisch noch  bei einem kirchlichen Träger beschäftigt sein. Das unterscheidet die Steyler Bank von manch anderer Kirchenbank.




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