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Ahr-Psalm

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Stephan Wahl.

Ahr-Psalm

Von: Stephan Wahl | 30. Juli 2021
Priester Stephan Wahl hat zur Hochwasserkatastrophe in Teilen des Bistums den „Ahr-Psalm“ geschrieben:

„Schreien will ich zu dir, Gott, mit verwundeter Seele, / doch meine Worte gefrieren mir auf der Zunge.

Es ist kalt in mir, wie gestorben sind alle Gefühle, / starr blicken meine Augen auf meine zerbrochene Welt.

Der Bach, den ich von Kind an liebte, / sein plätscherndes Rauschen war wie Musik,

zum todbringenden Ungeheuer wurde er, / seine gefräßigen Fluten verschlangen ohne Erbarmen.

Alles wurde mir genommen. Alles! / Weggespült das, was ich mein Leben nannte.

Mir blieb nur das Hemd nasskalt am Körper, / ohne Schuhe kauerte ich auf dem Dach.

Stundenlang schrie ich um Hilfe, / um mich herum die reißenden Wasser.

Wo warst du Gott, Ewiger, / hast du uns endgültig verlassen?

Baust du längst an einer neuen Erde, / irgendwo fern in deinen unendlichen Weiten?

Mit tödlichem Tempo füllten schlammige Wasser die Häuser, / grausig ertranken Menschen in ihren eigenen Zimmern.

Ist dir das alles völlig egal, Unbegreiflicher? / Du bist doch allmächtig, dein Fingerschnippen hätte genügt.

Die Eifernden, die dich zu kennen glauben, sagen, / eine Lektion hättest du uns erteilen wollen, eine deutliche, / eine Portion Sintflut als Strafe für unsere Vergehen, / für unsere Verbrechen an der Natur, an deiner Schöpfung.

Ihre geschwätzigen Mäuler mögen für immer verschlossen sein, / nie wieder sollen sie deinen Namen missbrauchen,

für ihre törichten Besserwissereien, ihr bissiges Urteil / mit erhobenem Zeigefinger, bigott kaschiert.

Niemals will ich das glauben, niemals, / du bist kein grausamer Götze des Elends,

du sendest kein Leid, kein gnadenloses Unheil / und hast kein Gefallen an unseren Schmerzen.

Doch du machst es mir schwer, / das wirklich zu glauben.

Ich weiß, wir sind nicht schuldlos an manchem Elend, / zu leichtfertig missbrauchen wir oft unsere Freiheit.

Doch warum siehst du dann zu, fährst nicht dazwischen, / bewahrst uns nicht vor uns selbst?

Dein Schweigen quält meine Seele, / ich halte es fast nicht mehr aus.

Wie sich Schlamm und Schutt meterhoch türmen, / in den zerstörten Straßen und Gassen

und deren Schönheit sich nicht mehr erkennen lässt, / so sehr vermisst meine Seele dein Licht.

Meine gewohnten Gebete verstummen, / meine Hände zu falten gelingt mir nicht.

So werfe ich meine Tränen in den Himmel, / meine Wut schleudere ich dir vor die Füße. / Hörst du mein Klagen, mein verzweifeltes Stammeln, / ist das auch ein Beten in deinen Augen?

Dann bin ich so fromm wie nie, / mein Herz quillt über von solchen Gebeten.

Doch lass mich nicht versinken in meinen dunklen Gedanken, / erinnere mich an deine Nähe in früheren Zeiten.

Ich will dankbar sein für die Hilfe, die mir zuteil wird, / für die tröstende Schulter, an die ich mich anlehne.

Ich schaue auf und sehe helfende Hände, / die jetzt da sind, ohne Applaus, einfach so.

Die vielen, die jetzt kommen und bleiben, / die Schmerzen lindern, Wunden heilen,

die des Leibes, wie die der Seele, / mit langem Atem und sehr viel Geduld.

Auch wenn du mir rätselhaft bist, Gott, / noch unbegreiflicher jetzt, unendlich fern,

so will ich dennoch glauben an dich, / widerständig, trotzig, egal, was dagegen spricht.

Sollen die Spötter mich zynisch belächeln, / ich will hoffen auf deine Nähe an meiner Seite.

Würdest du doch nur endlich dein Schweigen beenden, / doch ich halte es aus und halte dich aus, oh Gott.

Halte du mich aus! / Und halte mich, Ewiger! Halte mich!“

  • Info
    Stephan Wahl lebt in Jerusalem, ist Priester des Bistums Trier und stammt aus dem von der Katastrophe schwer betroffenen Landkreis Bad Neuenahr-Ahrweiler.

    Zum Nachhören gibt es den „Ahr-Psalm“ unter https://kurzelinks.de/Ahr-Psalm im Internet.

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