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Auf die kleinen Signale achten ist wichtig

Foto: Martin Recktenwald
Markus Herbert leitete die Präventionsschulung in der Lebensberatung Hermeskeil.

Auf die kleinen Signale achten ist wichtig

Von: Martin Recktenwald | 17. März 2013
Ein wesentlicher Teil des Konzepts im Bistum Trier zur Prävention gegen sexuellen Missbrauch sind Schulungen für alle Angestellten. Der „Paulinus“ hat einen Tag lang in Hermeskeil eine solche Schulung begleitet.

„Die ,No-Go’s‘ – Verhaltensweisen, die auf keinen Fall gehen – sind uns allen klar. Aber wie gehen wir mit Grenzfällen um?“, bringt Schulungsleiter Markus Herbert ein zentrales Problem der Präventionsarbeit auf den Punkt. Die Frage taucht während der Schulung an vielen Stellen, in vielen Formen auf. Sie ist Ausdruck jener Verunsicherung, die in dem Moment auftaucht, in dem man den Gedanken zulässt, dass sexueller Missbrauch auch im eigenen privaten oder beruflichen Umfeld grundsätzlich passieren könnte.

Schulungen laufen in Dekanaten und Abteilungen

Das Team der Lebensberatungsstelle Saarburg ist zu Gast bei den Kolleginnen in Hermeskeil. Es ist ein gemeinsamer Schulungstag, mit dabei sind auch einige Gäste weiterer Beratungsstellen, die von einem anderen Termin auf diesen ausweichen mussten. Solche Präventionsschulungen laufen derzeit überall im Bistum Trier. Geschult wird dabei stets in Gruppen, die auch im Berufsalltag zusammenarbeiten, etwa auf der Ebene eines Dekanats oder wie in diesem Fall in einer Beratungsstelle. Der Vorteil: In der Schulung ist neben allgemeinen Informationen ein breiter Raum für einen Blick auf das Thema aus der jeweils individuellen Sicht einer Abteilung.

So wird es auch in Hermeskeil rasch konkret. Einige berichten von Erfahrungen mit Missbrauchsbetroffenen, die bei der Lebensberatung Hilfe gesucht haben. „Ich frage mich gerade, wie oft ich in einem Beratungsgespräch Tätern gegenüber gesessen habe und es nicht gemerkt habe?“, sagt Andrea Bauer-Fisseni. Leiterin der Lebensberatung Saarburg. Wie geht man mit diesen Menschen um? Eine Teilnehmerin erinnert sich an einen Fall, der bekannt wurde: Die Dorfgemeinschaft habe daraufhin nicht nur den Täter, sondern seine gesamte Familie systematisch ausgeschlossen.

Viele Täter planen lange im Voraus

Solche Konsequenzen seien den Tätern im Vorfeld meist durchaus bewusst, erläutert Markus Herbert, der Leiter der Lebensberatungsstelle in Bad Kreuznach ist. „In der überwiegenden Zahl der Fälle geschehen Übergriffe nicht spontan, sondern haben einen langen Vorlauf. Die Täter müssen erst innere und äußere Widerstände überwinden.“ Manche arbeiten jahrelang daran,  das Vertrauen ihrer Opfer und deren Umfeld zu erringen, sie bereiten die „passende Gelegenheit“ akribisch vor. „Es kommt dann häufig zu ,Testübergriffen‘. Das kann eine anzügliche Bemerkung sein oder eine übertrieben innige Umarmung. Es wird geprüft, wie die Umwelt darauf reagiert“, sagt Herbert.

Dies diene einerseits dazu, die Gefahr einer Entdeckung auszuloten. Andererseits versuchten potentielle Täter auch, sich dadurch selbst zu überzeugen: „Ihre Sozialisation sagt ihnen, dass es falsch ist, was sie tun möchten. Aber wenn die Umwelt auf bestimmte Dinge nicht reagiert, fühlen sie sich bestärkt.“ Weiterhin bauen die Täter meist Machtstrukturen auf oder nutzen das bereits bestehende Hierarchie-Gefälle, um ihre Opfer mundtot zu machen. „Da sind die Fälle, wo ein Täter sich an eine alleinstehende Mutter rangemacht hat und dann dem Kind droht: Wenn du das erzählst, ist die Mutter wieder alleine und wird dann unglücklich. Willst du das?“, berichtet der Schulungsleiter. Dieses gezielte Vorgehen vieler Täter habe Folgen für eine wirksame Präventionsarbeit.

Es werde zwingend notwendig, nicht nur  strafrechtlich zu greifende Handlungen in den Blick zu nehmen, sondern auch das vermeintlich harmlose Geschehen im Vorfeld. Deswegen wird während der Schulung nicht nur erklärt, was das deutsche Strafrecht zu sexuellem Missbrauch zu sagen hat. Auch wenn dieser Teil ebenfalls Überraschungen bereithält. Die Tatsache etwa, das für eine Anklage nur die Rechtslage zur Tatzeit herangezogen werden kann, sorgt in der Runde bei manchen für Verblüffung. Dieser auch hier gültige allgemeine Strafrechtsgrundsatz sowie Verjährungsfristen machen eine nachträgliche Aufklärung durch den Staat mitunter schwierig.

Grenzverletzungen erkennen

Wesentlicher Bestandteil der Schulung sind die Grauzonen. Grenzverletzungen müssen zwar keineswegs in einem Automatismus zu Schlimmerem führen, aber der Umgang mit ihnen prägt das Klima, das Täter und Opfer wahrnehmen. Da tauchen dann auch Fragen auf wie: Ist es überhaupt in Ordnung, ein Kind zu umarmen oder ihm durch die Haare zu wuscheln? „Entscheidend sollten hier die Wünsche des Kindes sein. Sagt und signalisiert mir das Kind, dass ein Bedürfnis nach körperlicher Nähe hat oder mache ich das für mich selbst?“, meint Herbert.

Professioneller Umgang mit Kunden jeden Alters spielt gerade bei der Lebensberatung schon immer wichtige Rolle. Deshalb gibt es in den Beratungsstellen schon jetzt Regeln. Private Kontakte sind beispielsweise nicht gestattet, auch einige Jahre nach Ende einer Beratung. Doch wie geht man damit um, wenn es doch einmal zu einer Verletzung solcher Grenzen kommt? In einer Szene spielen die Schulungsteilnehmerinnen eine solche Situation nach. Andrea Bauer-Fisseni, Denise Schneider und Sabrina Hormetz testen, wie sie eine Kollegin zur Rede stellen würden, die sich mit einem Klienten zum abendlichen Kinobesuch verabredet.

Schnell wird klar, es ist nicht einfach, Menschen, mit denen man täglich arbeitet, auf solche Dinge anzusprechen, Fehlverhalten klar zu benennen und Grenzen zu ziehen. „Ich fand es erschreckend, wie einfach es ist, sich als ,Täter‘ herauszureden, die Sache herunterzuspielen“, meint  Schneider. „Wenn ich mir dann vorstelle, ich müsste einen Vorgesetzten auf Fehlverhalten hinweisen, wird es wirklich kompliziert“, sagt ihre Kollegin Hormetz.

Verhaltenskodex ist der nächste Schritt

Auf solche praktischen Übungen sollte bei künftigen Schulungen auf jeden Fall noch stärkeres Gewicht gelegt werden, heißt es in der Fazitrunde. An diesen Übungen wird deutlich, warum der nächste logische Schritt ist, einen Katalog von Spielregeln auszuarbeiten. Das sieht auch das Präventionskonzept des Bistums zwingend vor. Die Schulungen sind nur der Auftakt, jeder Arbeitsbereich soll in Abstimmung mit der Präventionsstelle des Bistums einen den eigenen Gegebenheiten angepassten Verhaltenskodex aufstellen. „Die darin formulierten Regeln werden dann verbindlich. Ihre Missachtung kann dann auch arbeitsrechtliche Konsequenzen haben“, erläutert Birgit Wald von der Präventionsstelle.

Die Notwendigkeit von klaren Beschwerdewegen wird ebenfalls zur Sprache gebracht. Wenn Grenzverletzungen deutlich angesprochen und abgelehnt werden, dies aber auf taube Ohren stößt, muss es Möglichkeiten geben, solche Fälle weiterzureichen. Und zwar auch abseits der regulären Diensthierarchien, denn immerhin könnte es ja auch die Vorgesetzte selbst sein, von der eine Grenzverletzung ausgeht.

Verhalten der Kirche in der Diskussion

Neben der Vermittlung von Hintergrundwissen bieten die Präventionsschulungen also Anstöße zum Austausch über  den Umgang mit dem Thema sexuellem Missbrauch. Das spiegelt sich in den Diskussionen wider, die zwischendurch und auch in den Pausen immer wieder entstehen. Auch das Verhalten der Kirche kommt dabei zur Sprache, etwa die Kündigung des Vertrags mit  Prof. Christian Pfeiffer, der mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Missbrauchsfällen beauftragt war.

Ein weiterer Punkt: Wie wichtig sind die Aussagen des Trierer Bischofs zur konsequenten Ablehnung und nachhaltigen Aufklärung? „Die Frage ist doch, wie wird es umgesetzt?“, ist ein skeptischer Einwand zu hören. „Ich denke schon, dass es ein wichtiges Signal war, dass er das gesagt hat. Allerdings glaube ich, dass er bei der Aufklärung auch auf Widerstände in den eigenen Reihen treffen wird“, meint Anne Ferner-Steuer. Fälle wie in Lebach, wo während laufender Vorwürfe der Pfarrer weiterhin im Pfarrhaus vor Ort im Einsatz gewesen sei, würden die Glaubwürdigkeit stark angreifen, wirft eine Schulungsteilnehmerin ein.



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