Wenn Jugendliche Rat suchen

Neben Erwachsenen und Kindern finden sich auch immer mehr Jugendliche im Wartezimmer der Beratungsstelle. In den Erstgesprächen zeigt sich ein weites Spektrum der Eigenmotivation: Einige der Jugendlichen haben bereits schon einmal als Kinder Kontakt zur Lebensberatung gehabt und sich dort verstanden und unterstützt gefühlt. Sie wollen diese hilfreiche Erfahrung wiederholt nutzen und gestalten. Andere nutzen bereits die Online-Beratung und haben sich entschlossen, die Beratungsform zu wechseln oder zu erweitern. Aber auch ohne einen solchen Hintergrund haben andere Jugendliche eigenständig die Idee, dass sie Hilfe brauchen könnten. Viele tun ihren Eltern den Gefallen, „sich das mal anzu-gucken, weil es ja ein Problem gibt“, und wirkten daher eher fremd- als eigenmotiviert.
Den Mut zur Anwesenheit würdigen
Für die Beraterinnen und Berater gilt es hier besonders, den Mut zur Anwesenheit zu würdigen, um einen vertrauensvollen Kontakt einzuleiten. In diesem Kontext haben auch die Erläuterungen zur Schweigepflicht einen wichtigen Stellenwert. So wird vereinbart, dass die Anliegen der jugendlichen Ratsuchenden nur in Rücksprache mit ihnen an Dritte, wie die Eltern, weitergegeben werden. Zwar ist dieses Verhalten für die Berater selbstverständlich, oft aber eher ungewohnt für ihr jugendliches Gegenüber.
Auf der einen Seite werden die Ratsuchenden in ihrer oft gewünschten Abgrenzung zu den Eltern ernst genommen. Auf der anderen Seite erhalten sie die Verantwortung, mit Unterstützung der Beraterinnen, zu erarbeiten, welche Meinungen und Wünsche sie zum Beispiel ihren Eltern offen machen sollten, um ihren Beratungszielen näher zu kommen.
Bevor jedoch die Jugendlichen Entscheidungen treffen können, was genau von ihnen an Eltern oder Lehrer herangetragen werden könnte, ist es erst mal wichtig für sie, ihre Anliegen und Sichtweisen für sich selbst zu benennen und zu verstehen.
Zum Beispiel: „Ich will, dass mein Vater meine Freundinnen akzeptiert“, „Ich wünsche mir, dass ich keine Panik mehr bekomme, wenn der Lehrer mich drannimmt“, „Meine Mutter soll mich in Ruhe lassen, sie nervt!“ Allgemein werden von jungen Menschen oft Stress in der Schule, Liebe und Liebeskummer, (Berufs-) Orientierung und Konflikte mit den Eltern als Themen benannt. Gesucht werden auch Bewältigungsstrategien für Gewalterfahrungen, selbstverletzendes Verhalten und (übermäßigen) Konsum von Medien, Alkohol.
Diese für die Lebensphase Pubertät typischen Anliegen fordern die jungen Menschen in ihrer Verantwortung für das Ich, ihre Ziele im Blick zu behalten und in ihrer Verantwortung für das Wir in der Auseinandersetzung mit Eltern, Lehrern und/oder Gleichaltrigen. Die Gestaltung der Balance zwischen diesen beiden Herausforderungen wird den Jugendlichen von den Beraterinnen und Beratern verdeutlicht, auch mit Blick über den „Tellerrand hinaus“.
Denn neben der Loslösung von den Eltern, der Erprobung und Gestaltung von Partnerschaft und der Absolvierung von Schule/ Ausbildung beinhaltet die Lebensphase Jugend auch die Entwicklungsaufgabe, ein verantwortliches Mitglied in unserer Gesellschaft zu werden. Dies bedeutet, mich selbst und andere Menschen wahrzunehmen und für mein Handeln mit Blick auf mich und andere Verantwortung zu übernehmen. Konkret heißt dies in den Beratungsprozessen mit den jungen Menschen zum einen, mit ihnen ihre Ziele zu bestimmen, zum anderen aber auch mit ihnen zu erarbeiten, was sie dafür tun können, um sie zu erreichen.
Ein Beispiel: Bei dem Anliegen „Ich will, dass mein Vater meine Freundinnen akzeptiert“ war die Aufgabe der jugendlichen Ratsuchenden, zunächst zu überprüfen, ob ihre Empfindung, dass der Vater die Freundinnen ablehnt, auch der Realität entspricht. In der Beratung konkret geplant, gelang es ihr so, dem Vater ihre Sorge mitzuteilen, gekoppelt mit dem Wunsch, dass sich das gegebenenfalls verändere. Selbstverständlich ist dieser Schritt auch in der Beratung mit erwachsenen Klienten vorstellbar und wünschenswert. Jedoch ist die Hürde für Jugendliche, ein Gespräch zu führen, indem sie authentisch ihre Gefühle und Wünsche schildern, um einiges höher. Ihnen fehlt es schlicht an Erfahrung und daraus resultierender Sicherheit. Zudem erleben sie im Kontakt mit Erwachsenen ein Machtgefälle, da diese eben über einen Erfahrungsvorsprung verfügen und/oder für sie Sorge tragen, auch wenn der diesbezügliche Umfang sich vom Kindes- zum Jugendalter reduziert hat.
Es geht um Vertrauen und Selbstverständnis
Somit kommt der Erfahrung der Selbstwirksamkeit eine erhöhte Bedeutung zu: Die junge Klientin konnte erleben, dass ihr Mut und ihre Zumutung, das Gespräch mit dem Vater zu suchen, eine Wirkung für ihr Ich und ihr gemeinsames Wir zeigte. Ihre Vorstellung, dass der Vater die Freundinnen ablehnte, stand im Zusammenhang mit ihrem Handeln, da sie stets mit ihrem Besuch schnell auf dem Zimmer verschwand. Die Sorge des Vaters, zu stören, führte bei ihm zur Reaktion, nichts zu dem jugendlichen Besuch zu sagen, was seine Tochter mit Ablehnung übersetzte. Eigentlich eine „ganz einfache Geschichte“, wenn im Wir genügend Vertrauen und Selbstverständnis gegeben ist, miteinander zu reden. Der Schritt der Tochter auf den Vater zu war für eben diese „Selbstverständlichkeit“ ein wichtiger Impuls.
Das daraus resultierende Erfahrungswissen ist wertvoll und hilfreich für das Ich in jeder Lebensphase und es gilt, dies achtsam für und mit Jugendlichen im Fokus zu haben, so dass sie von sich sagen können: „Ich kann nicht alles, ich kann nicht gar nichts, aber ich kann was!“