Zum Inhalt springen

Spielraum für Fantasie lassen

Fantasie im kindlichen Spiel: Für die Entwicklung eines Kindes ist sie von Bedeutung. Und wird zu sehr unterschätzt, sagen Experten. Wie man Fantasie fördern kann, darum geht es in der „Paulinus“-Lebensberatung.
Handpuppenmonster frisst Brille: selbstverständlich nur im Spiel. Kinder lieben solche Rollenspiele und lassen ihrer Fantasie gerne freien Lauf.
Datum:
3. Jan. 2016
Von:
Stanislaus Klemm

Die siebenjährige Julia bittet ihren Großvater: „Opa, hör mal zu! Ich wär’ jetzt das Schneewittchen und Du einer der Zwerge. Du kommst von der Arbeit heim und findest mich tot auf dem Boden, ja? Spielen wir das jetzt?“ Was bleibt mir anderes übrig, als wieder einmal in die Rolle eines Zwergs zu schlüpfen und das arme Schneewittchen gründlich zu beweinen, wie es da ohnmächtig auf dem Boden liegt – mit einem stolzen Gesichtsausdruck, als ich ihr den vergifteten goldenen Kamm aus den Haaren ziehe. Das tut ihr gut, sie ist glücklich. Eine skurrile Situation?  

Nein, nein, es ist nur eine kleine Fantasieszene zwischen Opa und Enkeltochter, aber für das Kind eine wahre seelische Tankstelle für Zuwendung, Einfühlungsvermögen, Selbstwertgefühl, Zugehörigkeit, Vertrauen und Zuversicht. Warum aber vermissen wir im Wartezimmer unseres Lebens immer mehr jene kreative, fantastische Tonart?  

  • Freiräume – ausgefüllt und zugestopft: So wie die Natur nur in den Hohlräumen eines Gesteins fantastische Kristalle bilden kann, dürfen wir der Lebens- und vor allem der Spielwelt unserer Kinder keine ausgefüllten und zugestopften Räume anbieten, keine Sammlung von Schablonen, die sie nur lernen ausfüllen zu müssen. Nicht die randvoll und lückenlos organisierten Freizeitaktivitäten, nicht die perfekten, die Welt nur noch nachahmenden Spielzeuganlagen, nicht die monotonen, hirnrissigen, kaum „Spielraum“ zulassenden „Ballerspiele“ mit Sucht erzeugendem „Level“-Zwang sind angesagt, sondern wir sollten unseren Kindern alle Möglichkeiten anbieten, die sie brauchen, um für ihr Leben kreative Zugänge, spielerische Leichtigkeit und fantasievolle Lösungen für spätere festgefahrene Alltagssituationen ausprobieren zu können.
  • Fantasie fördern – fördert vieles andere: Im offenen Spiel, das dem Kind die Möglichkeit gibt, selbst die Kontrolle zu übernehmen, darf es sein, was es sein möchte. Es kann selber bestimmen, wie Situationen ausgehen. Als kleines Mädchen oder als kleiner Junge kann es böse Hexen besiegen, kleine Kätzchen retten, kann helfen, beschützen, um Hilfe rufen. All das gibt den Kindern das Selbstvertrauen und die Kraft, um im echten Leben ungewöhnliche oder beängstigende Situationen zu meistern.  

Eine Studie der „Case Western Reserve University“ ergab, dass fantasievolle Kinder in der Regel fantasievoll bleiben, wenn sie älter sind, und dann besser Probleme lösen können. Im späteren Leben getestet, waren früh mit Fantasie begabte Kinder viel stärker, wenn es darum ging, Herausforderungen oder schwierige Situationen zu bewältigen.  

Ein Gefühl für Verantwortung bekommen

In so genannten „Als-ob-Spielen“ wie Verkleiden oder Schauspielern, in Tagträumen können Kinder eine Menge lernen, wenn sie das echte Leben nachspielen. Wenn das Kind sich einen Ort, Charaktere und Situationen ausdenkt, entwickelt es spielerisch soziale und verbale Fähigkeiten. Es wird emotionale Fragestellungen lösen, wenn es sich dabei traurige, glückliche, beängstigende oder sichere Situationen ausmalt. Es kann ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Manchmal sind Phantasiefiguren dazu da, Eigenschaften auszuleben, die das Kind selbst gerne hätte. Vielleicht wäre es gerne mal ein bisschen frech, rebellisch oder gemein, traut sich aber nicht, das auszuleben.  

Von der Psychodynamik her wird Fantasie besonders dann vom Kind erwartet, wenn Triebe im Moment nicht in der Realität ausgelebt werden können. Die Fantasie stellt dann sozusagen ein Ventil zur Triebbefriedigung dar. Nur die Fantasie kann uns Menschen dann weiterbringen, denn nur mit Fantasie können wir uns einigermaßen vorstellen, wie „etwas sein soll“, ohne dem stur verhaftet zu bleiben, „wie nun mal etwas ist“.