Bilder prägen Stimmungen. Ob bei Fototerminen im Kindergarten, oder Imagefilmen und Werbepostkarten für die Bürgerstiftung – Pfarrer Picken nimmt sich für Öffentlichkeitsarbeit ebenso Zeit wie für Hausbesuche und Verwaltungsarbeit. Foto: Bürgerstiftung Rheinviertel

„Bonn Camillo“ gegen den Rotstift-Kater

Wolfgang Picken aus Bonn will kein Konkursverwalter sein – Mit einer Stiftung, Öffentlichkeitsarbeit und vielen Ehrenamtlichen bläst er zum Aufbruch

Von Roland Juchem

Jammern gilt nicht. Trotz diözesaner Sparvorgaben werden in Bonn-Bad Godesberg kirchliche Kindergärten erhalten, zwei neue Ordenskonvente gegründet, füllen sich Gottesdienste. Unter Führung ihres Pfarrers wehrt sich eine Gemeinde gegen den allgemeinen Sparzwang.

Wolfgang Picken war gerade eine gute Woche Pfarrer in Bad Godesberg, da warf er das Bonner Beethoven-Orchester aus seiner Kirche. „Hier können Sie jetzt nicht rein“, raunzte ihn ein Türsteher an, als Picken in die Heilig-Kreuz-Kirche wollte. „Ich bin aber der Pfarrer ...“ „Egal, geht nicht, da werden Tonaufnahmen gemacht.“ Tonaufnahmen? Davon wussten weder Picken noch das Pfarrbüro etwas. An der Sakristeitür die gleiche Abfuhr. „Das reichte“, erbost sich der 39-Jährige heute noch. Mit einem Satz war Picken am Sicherungskasten und das Heer der Musiker und Techniker ohne Strom.

Es folgten ein Tobsuchtsanfall des Toningenieurs sowie einige klärende Gespräche mit dem Orchesterdirektor. Am Ende hatte Picken wieder einen Sponsor für die Arbeit seiner Kirchengemeinden. Gegen geringe Miete darf das Orchester in der Kirche weiter Aufnahmen machen und gibt jährlich zwei Benefizkonzerte für die „Bürgerstiftung Rheinviertel“. Die besteht seit gut einem Jahr und ist Deutschlands erste Bürgerstiftung für gemeindliche und soziale Aufgaben in einer Kirchengemeinde.

Im Herbst 2004 hatte das Erzbistum Köln sein Sparprogramm „Zukunft heute“ veröffentlicht. Damit begann auch in einer der reichsten Diözesen der Welt das Jammern und Zähneknirschen. Die Vorgaben für die beiden Gemeinden Heilig Kreuz und Evergislus sowie St. Andreas und Herz Jesu: 50 Prozent Versammlungsfläche abbauen, acht von 14 Kindergartengruppen schließen, die Küsterarbeit um fast die Hälfte reduzieren. „Für jedes Unternehmen wäre das existenzbedrohend“, sagt Wolfgang Picken, der Theologie studiert und in Politikwissenschaft promoviert hat.

Am 30. November 2004 wurde Picken als neuer Pfarrer eingeführt. Am 15. Dezember stellte er den Gemeindegremien sein Konzept vor. Ende Januar war die endgültige Fusion zu einer Pfarrei beschlossen. Beschlossen ebenfalls: Alle vier Kindergärten bleiben erhalten, ebenso die zwei Altenheime; zwei Pfarrzentren werden geschlossen und umgebaut, aber auch Beschäftigungsumfänge gekürzt. Solch drastische Maßnahmen lassen sich aber besser umsetzen, wenn ein Pfarrer ganz neu in einen Verbund kommt, räumt Picken ein. „Mein Kollege, der nach und nach die Nachbargemeinden zugeteilt bekam, wird immer noch verdächtigt, zugunsten seiner alten Gemeinde parteiisch zu sein.“

„Da drücken Sie sich schon mal ein Tränchen weg“

Derzeit gönnt Picken sich „vier bis fünf Stunden Schlaf“ pro Nacht. Doch seine größte Kraftquelle ist die Erfahrung, dass sich etwas bewegt. „Wenn man im Gottesdienst bei jungen Familien sieht, wie die Botschaft, für die ich lebe, ankommt, dann ist das ein Knaller“, sagt er und gesteht: „Wenn im Altenheim die Nonnen die Demenzkranken in den Arm nehmen, da drücken Sie sich schon mal ein Tränchen weg.“

Der Pfarrer, der „den Laden schmeißt“ und sagt, wo es langgeht. Ist das das Gemeindebild der Zukunft? „Wir hatten schon jahrelange Diskussionen, Kürzungen und zwei Gemeindefusionen hinter uns“, sagt Elisabeth John-Krupp, bis Juni im Godesberger Rheinviertel zehn Jahre lang Gemeindereferentin. „Die Menschen waren froh, dass einer den Karren aus dem Dreck ziehen wollte und sagt, wo es langgeht“, sagt sie rückblickend. Allerdings habe Picken die Leute immer mit einbezogen.

Aktion Blaulicht statt Rotstift

Er selbst wollte damals „nur noch von einer Gemeinde im Aufbruch hören“. Dafür brauchte Picken Aufmerksamkeit. So ließ er die Kirche St. Evergislus, die abseits am Rheinufer liegt, abends blau anstrahlen. Blaulicht gegen Rotstift-Stimmung ist nur eine Aktion, wie der Pfarrer die Kirche als Ganze im Gespräch halten will. Die Boulevardpresse taufte den hochgewachsenen, selbstbewussten Kirchen-Unternehmer „Bonn Camillo“. Böse ist er darüber nicht. Auch nicht um Gerüchte, die Gottesdienste seien so gut besucht, dass man dort kaum noch Platz bekäme. Immerhin informiert der ehrenamtlich und professionell betreute Internetauftritt übersichtlich und aktuell über das Gemeindegeschehen; einschließlich des Charakters der fünf Kirchen und ihrer Gottesdienste. „Die Leute reden wieder über Kirche, und dass sie etwas bewirkt“, betont Picken. Da ziehen zwei Konvente indischer Ordensfrauen in ein ehemaliges Pfarrhaus und ein umgebautes Gemeindezentrum. Die Schwestern arbeiten im Altenpflegeheim, eine im Kindergarten. Ausgebaut wird ein integriertes Hospiz – Picken selbst ist ausgebildeter Sterbe- und Trauerbegleiter.

Bald schon kann die Bürgerstiftung die Trägerschaft übernehmen für zwei Kindergärten, die sonst hätten geschlossen werden müssen. Das geht zum einen, weil sie als so genannter „armer Träger“ einen geringeren Eigenanteil als das Bistum finanzieren muss. Zum anderen konnte Picken zwei Menschen gewinnen, die fünf- und sechsstellige Zustiftungen leisten konnten. Elisabeth John- Krupp räumt ein, in einem Stadtgebiet mit weniger gut betuchter Klientel fielen solche Erfolge deutlich schwieriger.

Wo sind die Probleme, wo die Menschen mit Talenten?

Picken aber relativiert: Wichtigster Zweck der Stiftung sei es, Kontakte zu knüpfen und Menschen zusammenzubringen. Würde er in eine Gemeinde mit sozialem Brennpunkt versetzt, wäre seine Strategie die gleiche: Wo sind die Probleme? Wo sind die Talente? Und dann Menschen gewinnen. Dafür bewundert er seinen Mitbruder Franz Meurer im Kölner Problemstadtviertel Vingst. Der bietet dort arbeitslosen Jugendlichen ein Gabelfahrertraining, organisiert Essens- und Kleiderausgabe, Mittagsbetreuung für Kinder – und Blumenzwiebeln damit die Menschen ihre Straßen verschönern. „Sein Modell, mein Modell und eine Zwischenlösung für Gemeinden in anderem Umfeld – das wäre etwas, das die Bistumsleitung den Pfarreien anbieten sollte.“


Wolfgang Picken über …

… Bedenkenträger im Stadtviertel: „Wer sagt: ‚Das war hier früher aber anders‘, hat sich schon disqualifiziert.“

… den Erfolg von Veränderungen: „Die Menschen wissen, wie notwendig Reformen sind. Aber den Umbruch gestaltet man nicht von Brüssel, Berlin oder Düsseldorf aus, sondern nur vor Ort.“

… die Rückzugstaktik der Volkskirche: „Ich will nicht, dass sich die Kirche aus der Fläche zurückzieht, im Gegenteil. Sie soll progressiv in die Gesellschaft hineinwirken – als soziales Bindemittel im Aufbruch.“

…Menschen, die er gewinnen möchte: „Sie müssen sich bei mir nicht in der Kirche in die erste Bank knien, sondern ihre Talente mit einbringen.“

… die Stimmung in Gemeinden: „Die Leute sind das Diskutieren Leid.“


Was bisher geschah – in nur 20 Monaten

  • In den Jahren 2000 bis 2002 werden jeweils die beiden Pfarrgemeinden Heilig Kreuz und St. Evergislus sowie Herz Jesu und St. Andreas (mit der Filialkirche St. Hildegard) zusammengelegt. Am 30. November 2004 wird Wolfgang Picken als neuer Pfarrer eingeführt.

  • Anfang 2005 wird beschlossen, eine gemeinsame Pfarrei zu gründen. Außerdem sollen die vier Kindergärten erhalten bleiben und je einen Schwerpunkt bekommen: künstlerisch-kreativ, musisch, psychomotorisch und zweisprachig. Gleichzeitig wird ein Sparkonzept verabschiedet gemäß des Bistumsplanes „Zukunft Heute“ vom Oktober 2004.

  • Im Frühjahr 2005 nehmen 650 Gemeindeglieder an einer Kevelaer-Wallfahrt teil.

  • Am 17. Juni 2005 wird die „Bürgerstiftung Rheinviertel“ gegründet: die erste Bürgerstiftung Deutschlands, die soziale und karitative Aufgaben einer Pfarrei unterstützt.

  • Im November 2005 gründen fünf indische Franziskaner-Clarissen im ehemaligen Pfarrhaus von St. Hildegard einen Konvent. Vier sind in einem Altenheim tätig, eine davon in der Hospizarbeit, die Fünfte als Kindergärtnerin im Deutsch-Englisch-Schwerpunkt.

  • Am 1. Januar 2006 wird die neue Pfarrei St. Andreas und Evergislus gegründet.

  • Am 20. Mai 2006 nehmen 600 Gemeindeglieder an einer Wallfahrt zur heiligen Hildegard nach Eibingen teil.

  • Am 19. Juni 2006 wird das renovierte „Von-Carstanjen-Mausoleum“ eröffnet. Die frühere Grabanlage eines Bonner Industriellen wird Bürgergrabstätte für Urnenbestattungen.

  • Ende Juni ziehen fünf weitere indische Ordensfrauen in das neu gegründete Herz-Jesu-Kloster ins umgebaute Pfarrzentrum. Auch sie sind im Altenheim tätig, eine davon als Hospizschwester.

  • Anfang September erhält die Pfarrei einen neuen Kaplan und einen Pastoralassistenten als Ersatz für einen Geistlichen, der Anfang des Jahres ausschied, und die bisherige Gemeindereferentin. Ein Gemeindereferent arbeitet bereits. Drei Ruhestandsseelsorger unterstützen das Team.

  • Die Bürgerstiftung Rheinviertel bietet ein Seminar an, in dem sie anderen Gemeinden ihr Konzept vorstellt: 19. Oktober 2006 im Pfarrheim St. Evergislus in Bonn-Plittersdorf, 150 Euro, Info/Anmeldung unter kontakt@buergerstiftung-rheinviertel.de oder Telefon (02 28) 37 32 40.