Die Legende vom lustigen Zigeunerleben

Zur diesjährigen Renovabis-Aktion „Vergessen … im Osten Europas“ – In Rumänien leben die Tigani am Rand der Gesellschaft

Seit Jahren arbeitet Aurora in dem Zigeunerdorf. Bei den Kindern hat sie sich Zuneigung und Respekt erworben.
Obwohl das Zigeunerleben besonders für die Kinder hart ist – das Lachen haben sie nicht verlernt.

Von Ingrid Fusenig (Text) und Eugen Reiter (Fotos)

Der Wegweiser liegt versteckt hinter Sträuchern. Purer Zufall, die kleine Tafel zu entdecken. Doch obwohl das Holz verwittert ist, der eingeritzte Schriftzug verrät: Hetea. Hier also geht es zu den Zigeunern. Mitten in den Karpaten liegt ihr Lager. Wo genau, spielt keine Rolle. Niemandsland. Der Wegweiser ist im Grunde eine Farce, denn: Wer will schon freiwillig nach Hetea? Abgesehen einmal von Aurora. Und die weiß, wo es lang geht, nimmt sie doch seit sechs Jahren fast täglich die beschwerliche „Reise“ auf sich und versucht, den Kindern im Dorf Lesen und Schreiben beizubringen.

Die Frau lenkt auch heute den Wagen über die morastige Piste. Er rumpelt und humpelt, wie auf stürmischer See werden alle durchgeschüttelt. Aurora macht das nichts aus, das Auto ist ihr Stolz. Früher marschierte sie beladen wie ein Muli nach Hetea, war Stunden unterwegs. Während sie das erzählt, hält sie an. Endstation. Die letzte Wegstrecke schafft man nur noch zu Fuß.

Armut voller Farbenfreude und Lebendigkeit

Doch die „Buschtrommeln“ im Dorf haben die Ankunft Auroras längst angekündigt. Kinder stürmen den Hang hinunter. Es wird ungemütlich, denn die Zigeunerkinder kennen offenbar keine Berührungsängste. Sie zerren an den Kleidern der Besucher, machen sich einen Spaß, an langen Haaren und Rucksäcken zu ziehen und die Neuankömmlinge herumzuschubsen. Kaum hat man sich versehen, landet man mit einem gezielten Rippenstoß im Matsch. Ein Glück, dass Aurora dabei ist. Wenige Worte nur, wenige Gesten, schon hat die zuvor so wortkarge Frau die Gemüter beruhigt. So klein Aurora auch ist, so groß scheint der Respekt vor ihr zu sein. Niemand wagt mehr, aus der Reihe zu tanzen. Zeit, sich das Zigeunerleben näher anzuschauen. Lehmhütten fallen ins Auge, ansonsten nur Bretterverschläge. Manche Kinder laufen nackt umher, andere tragen abgewetzte, aber farbenfrohe Kleider, wieder andere schmücken sich mit bunten Tüchern. Die Kleinen sehen unterernährt aus, trotzdem tollen sie fröhlich im Schlamm und Dreck. Ältere Jugendliche wollen Stärke demonstrieren und lassen lange Peitschen laut knallen.

Ansonsten ist wenig zu erkennen vom viel besungenen „lustigen Zigeunerleben“. Heranwachsende versuchen, mit Getöse und Geschrei einen Pferdewagen aus dem Schlamm zu ziehen. Wozu das gut sein soll, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Frauen stehen umher oder schrubben ihre Wäsche – ausgerechnet in dem kleinen Rinnsal, das einzige Trinkwasserquelle ist. Männer lungern herum, viele sind betrunken, aber nüchtern genug, sich lautstark über ungebetenen Besuch aufzuregen. „Ohne Lei (Geld) läuft hier nichts“, übersetzt Aurora. Die Besucher sollten „Tigani“ sagen. Zigeuner seien sie, ob nun Roma oder Sinti, das spiele keine Rolle.

Ein Grasbüschel kann als Mittagessen reichen

Es gibt Hühner und eine Kuh, immerhin. Aber angebaut wird augenscheinlich nichts. Wovon leben diese Menschen? „Nun, davon, was die Kinder erbetteln oder was gerade wächst. Manchmal müssen Grasbüschel als Mittagessen reichen“, sagt Aurora. Und was ist im Winter? Wie trotzen sie dem Hunger, wenn die Erde nichts hergibt? Die Antwort: Achselzucken. Und: „Sehen Sie hier ältere Menschen? Nein, hier sterben eben alle sehr früh.“

In Rumänien leben fast ausschließlich Roma, wie viele, darüber gibt es keine gesicherten Zahlen, denn die meisten „Tigani“ tauchen in keiner Statistik auf. Bei der Volkszählung im Jahr 2002 meldeten sich 535 000 Roma bei den Behörden, man rechnet jedoch insgeheim mit zwei oder drei Millionen Menschen – Zigeuner machen also bis zu acht Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Vereinzelt sind noch Wanderzigeuner unterwegs. So wie früher, als sie umherzogen, um sich als Kesselflicker, Löffelschnitzer, Besenbinder oder Messerschleifer zu verdingen. Auch gibt es die „Bulibaschas“ noch, die Zigeunerkönige, die in manchen Städten eine starke Machtposition haben. Die alten Zigeunergeschichten werden gerne erzählt, doch es schwärmt niemand mehr von der mitreißenden Musikalität dieser Menschen oder von der Zusammengehörigkeit im Verband der Großfamilie. Im Nachkriegsrumänien versuchte der Staat, die Roma per Zwang sesshaft zu machen. So sind reine Zigeunerdörfer wie Hetea entstanden.

Früher wurden die Zigeuner toleriert, doch die zunehmende Armut im Rumänien der achtziger Jahre führte dazu, sie mit Missgunst zu betrachten und an den Rand zu drängen. „Kommunismus hin oder her. Früher war alles besser bei uns“, erzählt zum Beispiel die 81-jährige Maria. Dass Rumänien sich öffnen will und die Zugehörigkeit zur Europäischen Union anstrebt, davor graut der Siebenbürgerin. „Dann bekommen wir noch mehr Gesindel wie die Zigeuner.“ Aus ihrer Sicht sind Zigeuner „Analphabeten, die von der Hand in den Mund leben.“ Und: „Roma-Männer taugen nicht, schicken Kinder und Frauen zum Betteln und Stehlen. Zigeuner sind laut, machen alles kaputt.“

Aurora kennt die Stimmungslage im Land. Keine Seltenheit, dass in der Schule niemand neben den Zigeunerkindern sitzen mag. Doch sie gibt nicht auf, freut sich über jede Form der Unterstützung. Hilfe für Hetea kommt aus Deutschland von Franziska und Günther Weckbecker. Der frühere Bürgermeister von Moselkern und seine Frau machen seit Jahren zu Hause auf die Not in Rumänien aufmerksam und sammeln Geld, Kleider und Schuhe. „Ich sehe hier Sachen aus unserer Sammelaktion. Die Kinder tragen die Schuhe wirklich“, freut sich Franziska Weckbecker. Man müsse nämlich immer aufpassen, dass die Eltern die Errungenschaften nicht gleich wieder verkaufen und in Alkohol umsetzen. Vom rumänischen Staat ist keine Hilfe für die „Tigani“ zu erwarten, sie sind letztes Glied in der Kette und angewiesen auf private Hilfe oder Projekte von Caritas, Maltesern und Renovabis (vgl. Info-Kasten auf dieser Seite).

Ein schöner Schlafplatz auf dem Boden

Für Aurora, die als Waisenkind selber ein hartes Leben hat und nicht viel über sich preisgibt, zählen schon die kleinen Erfolge: Wenn zum Beispiel Anna und ihr Mann stolz die Lehmhütte zeigen, die sie gebaut haben, und erzählen: „Alle acht Kinder finden hier auf dem Boden einen Platz zum Schlafen.“ Oder wenn die siebenjährige Claudia glücklich ist, „richtige Sätze“ schreiben zu können. Das siebte Kind von zwölf war zuvor für den „Haushalt“ zuständig und kochte für die große Zigeunerfamilie – so es denn etwas gab.

Zum Abschied ist die Eskorte noch größer als bei der Ankunft. Die Kinder hängen sich an das Auto, wollen die Gäste nicht ziehen lassen. Ein Mädchen ruft: „Aurora, kommst du auch bestimmt wieder?“ Sie nickt, ruft die Kinder zur Ordnung – und schon bald hat die Holperpiste uns wieder.

Renovabis
„Vergessen ... im Osten Europas“ lautet der Leitsatz der diesjährigen Renovabis-Aktion. Das katholische Osteuropa-Hilfswerk will den Blick lenken auf die Verlierer des gegenwärtigen Entwicklungsprozesses in den östlichen Ländern Europas. In ehemals kommunistischen Staaten haben weitgehend Demokratie und Marktwirtschaft Einzug gehalten, doch nicht alle Menschen profitieren von diesem Aufbruch. Viele Menschen können bei dem rasanten Tempo des Fortschritts im Osten nicht mithalten und geraten „unter die Räder“, Armut und Perspektivlosigkeit sind die Folgen. Renovabis – der lateinische Name bedeutet „Du wirst erneuern“. Für das 1993 auf Anregung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) gegründete Hilfswerk mit Sitz in Freising ist der Name Programm: Unterstützt werden Projekte und Partnerschaften zur Erneuerung des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens in 27 ehemals kommunistischen Ländern. Dazu gibt es jährlich eine Renovabis-Pfingstaktion mit einer Kollekte an Pfingstsonntag. Am 4. Juni findet in allen katholischen Pfarrgemeinden in Deutschland die Renovabis-Kollekte statt für die Vergessenen im Osten Europas. 2005 förderte das Werk mit knapp 30 Millionen Euro 987 Projekte. Das Geld floss in die Pastoralarbeit und pastorale Infrastruktur und in soziale und bildungspolitische Projekte (Waisenhäuser, Behinderten- und Altenheime, Schulen, Sozialstationen, Straßenkinderarbeit, Hilfsprojekte für Opfer des Frauenhandels). Infos im Internet unter www.renovabis.de.